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F. IGmA-Exkursionen seit 2018. Kuratiert von Philipp Krüpe

F. IGmA-Exkursionen seit 2018. Kuratiert von Philipp Krüpe

 

 

Reisen haben am IGmA Tradition. 1970 flog eine Gruppe in die USA, um die Themenfelder ›Citizen Participation‹ und ›Computer Aided Design‹ zu erkunden; am MIT wurde sie von Nicholas Negroponte über die Idee einer »Architecture-Machine mit künstlicher Intelligenz« informiert, in Chicago traf sie Stanley Tigerman und Dirk Lohan vom Büro des kurz zuvor verstorbenen Mies van der Rohe; die Reise wurde in einem knapp dreihundertseitigen Reisebericht dokumentiert. 1980 führte eine Exkursion anlässlich der ersten Architekturbiennale und Palladios 400. Todestag nach Venedig; es ging um die Frage, ob die Aufnahme von Formen vergangener Architektur heute noch Gültigkeit haben kann. 1993 unternahm eine Gruppe unter Werner Durth ein Reenactment einer DDR-Delegation von 1950, die in Moskau die »16 Grundsätze des Städtebaus« studiert hatte. 2012 und 2013 führten Gerd de Bruyns Motorrad-Exkursionen auf die Schwäbische Alb bis in die Schweiz – begleitet von dem Ansatz, eine »Metatheorie der Qualität« zu entwickeln, um den Antagonismus von Verstand und Gefühl zu überwinden. Diese Tradition – das Reisen als theoriegeleitete und gleichzeitig körperlich erfahrbare Feldforschung, als Konfrontation mit dem gebauten Raum vor Ort – haben wir in den vergangenen sieben Jahren fortgeführt und erweitert. Dieses »Dokumente der Architektur«-Bundle rekapituliert sechs Exkursionen der letzten Jahre, die vor und nach der Corona-Pause stattfanden und teils unabhängig von meiner Person, teils aber auch aus meinen Lehrangeboten resultierten: 1. »Grand Tour Baden-Württemberg« (2018); 2. »Rechte Räume«-Exkursion (2018) und weitere Trips; 3. »Steueroasen – Liechtenstein, Zug etc.« (2023); 4. »USA: Raumproduktion zwischen Hyperrealismus und Rechten Räumen« (2024); 5. »Namibia: Raum und Gewalt« (2025); 6. »Disneyland Paris: Themenparks als Raumproduktion« (2025).


Theoretische Nachbemerkung: Zwischen Ideologiekritik und ästhetischer Praxis

Hinter den dokumentierten Exkursionen steht ein theoretischer Rahmen, der über die bloße Dokumentation hinausgeht und den ich im Rahmen meiner Tätigkeit am IGmA weiterentwickelt habe. Meine Forschung und Lehre bewegt sich in einem Spannungsfeld zwischen Ideologiekritik und einer erkenntnisgeleiteten ästhetischen Praxis. Von Anfang an interessierte uns dabei nicht nur die diskursive Analyse, sondern auch die performative Dimension: Wie lässt sich das dialektische Verhältnis von historischem Raum und Gegenwart kritisch erfahrbar machen? Die Antwort lag in der In-situ-Forschung – in Walks, Exkursionen und Feldstudien, die stets im Dialog mit Studierenden, Expert:innen und der Zivilgesellschaft stattfanden.

Gleichzeitig stellte sich die Frage, wie diese performanten Aktionen dokumentiert werden können. Wir haben verschiedene Medien und Darstellungsformen erprobt und schnell festgestellt: Insbesondere das Videoformat erlaubt es, unsere Anforderungen am besten zu erfüllen. Als multisensorisches Medium kann es – freilich mit Abstrichen – auditive und visuelle Beobachtungen, Phänomene und Manifestationen vermitteln, wie es sonst nur in Präsenz möglich wäre.

Diese Praxis beschränkt sich nicht auf eine visuell-oberflächliche Analyse, sondern berücksichtigt insbesondere die Affizierung des Subjekts – jenen vorbewussten Körperzustand, der sich vollzieht, bevor er benannt werden kann. Was bedeutet Affekt? Die Tradition reicht von Baruch de Spinoza, der Affekte als Steigerung oder Verminderung der Handlungsfähigkeit beschrieb, über Gilles Deleuze und Félix Guattari, die sie als unpersönliche Intensitäten jenseits individueller Psychologie fassten, bis zu Brian Massumi, der Affekt als Schwellenzustand zwischen Körpern versteht. Für meine Arbeit zentral ist Sara Ahmeds Konzept der ›stickiness‹ (Ahmed 2004, 90). Die These der Geschlechterforscherin lautet, dass Affekte durch Zirkulation affektive Haftkraft entwickeln, durch die bestimmte Muster emotional haften bleiben und zur politisch mobilisierbaren Emotion werden können.


Interessant dabei ist: Bereits William Gilpin und Uvedale Price – die englischen Architekturtheoretiker, deren Schriften Olmsted seinen Studierenden als Pflichtlektüre empfahl – reflektierten diese präkognitive Dimension ästhetischer Erfahrung. Spätestens Gilpins Formulierung »We rather feel, than survey it« nimmt Diskurse vorweg, die sich erst Ende des 20. Jahrhunderts in den Affect Studies systematisch formieren (Gilpin 1792, 50). Diese Autoren etablierten zugleich eine Praxis des Reisens als ästhetische Übung: Die sogenannten ›picturesque tours‹ durch die britische Landschaft, aber auch Grand Tours nach Italien und koloniale Expeditionen über Indien, Südamerika oder in den Südpazifik – all diese Bewegungen waren nicht bloß Ortswechsel, sondern Wahrnehmungsschulen. Sie lehrten einen Blick, der Räume nicht einfach rational dokumentiert, sondern im Prozess der Betrachtung erst als solche konstituiert.

Diese Perspektive, die es kritisch zu beleuchten gilt, erweitere ich mit Jean Baudrillards Theorie der Hyperrealität, die erklärt, wie selbstreferentielle Zeichenzirkulation Realitätseffekte erzeugt, die wirkmächtiger sein können als die Realität selbst (Baudrillard 1994). Edward Said wiederum zeigt mit seinem Konzept der »Imaginative Geographies«, wie Räume mit ideologischen Zuschreibungen besetzt werden – der Orient als erfundene Wissensformation und zugleich als »underground self« des Westens, konstituiert durch Othering als Sehnsuchtsort und fundamental different zugleich (Said 1978, 7). Diese koloniale Grundstruktur prägt bis heute, wie wir Räume wahrnehmen, darstellen und bewerten.


Meine Lehre nimmt diese Einsichten auf: Studierende sollen nicht nur analysieren, sondern die affektiven Dimensionen des gebauten Raums am eigenen Körper erfahren und diese Erfahrungen medial reflektieren. Dabei haben wir auch mit digitalen Memes (bestehend aus Bildern, Grafiken, Videos, Textbeiträgen etc.) gearbeitet. Oliver Zybok begreift diese als Konsequenz einer kunsthistorischen Linie, in der durch technische Beschleunigung und gesteigerte Zirkulationsdichte die konzeptuelle Distanz zugunsten hyperrealer Simulation schwindet, wobei gerade aus dieser Simulation in »Communities of Practice« (Limor Shifman) durch kollektive Semiose neue, geteilte Realitäten erwachsen (Zybok 2022, 58). Die Meme-Kultur operiert dabei strukturell ähnlich wie ältere Bildpraktiken: Flüchtiges wird entkontextualisiert, rekombiniert, weiter zirkuliert – Prozess wird in Muster überführt, Affekt in Archiv. In dieser prä-ideologischen Operation liegt das Politische verborgen. Dass beispielsweise Architekturbilder in rechten Online-Netzwerken als affektive Resonanzräume fungieren, in denen aus diffusen Atmosphären kohärente Ideologien erwachsen können, ist Gegenstand meiner Lehre und Forschung.


Ausblick

Video hat sich als ideales Medium erwiesen, um das zu vermitteln, was sich in Texten und Bildern allein nicht fassen lässt: die multisensorische Erfahrung des Raums, das dialektische Verhältnis von Gegenwart und Geschichte, die affektive Dimension des gebauten Umfelds.

Dabei folgt die Videopraxis einer Logik, die ich auch in meiner Forschung am IGmA entwickelt habe. Sie arbeitet mit Konstellationen, die strukturelle Kontinuitäten sichtbar machen, ohne sie diskursiv zu duplizieren. Die Videos erklären nicht nur, sie arbeiten ästhetisch. So legen sie eine Operation offen, die für Wahrnehmungskonstruktionen konstitutiv ist: die Fixierung flüchtiger affektiver Momente. So wie historische visuelle Instrumente die vorüberziehende Landschaft rahmten, fixiert die Kamera den ephemeren Stadt- und Landraum.

Dieses Festhalten ist zugleich ein lebendiges Archiv, das Prozesse in dokumentierte Erfahrung überführt. Die Sammlung versteht sich notwendigerweise als unabgeschlossen, denn die Zirkulation der Phänomene, die wir untersuchen, geht weiter. Sie ist selbst eine kritische Praxis, die versucht, Wahrnehmungsmuster reflexiv zu wenden. Zur Ehrlichkeit gehört anzuerkennen, dass sie dabei in die Muster verstrickt bleibt, die sie untersucht.


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Bibliographie:


Ahmed, Sara. 2014. The Cultural Politics of Emotion. 2nd rev. ed. Edinburgh: Edinburgh University Press.


Baudrillard, Jean. 1994. Simulacra and Simulation. Translated by Sheila Faria Glaser. Ann Arbor: University of Michigan Press. Ursprünglich erschienen 1981 bei Editions Galilée. https://archive.org/details/baudrillard.-1970.-the-consumer-society


Gilpin, William. 1792. Three Essays: On Picturesque Beauty, on Picturesque Travel, and on Sketching Landscape. London: R. Blamire. Nachdruck, Farnborough: Gregg International, 1972.


Olmsted, Frederick Law. 1890. Brief an Elizabeth Baldwin Whitney. In The Papers of Frederick Law Olmsted Digital Edition. Charlottesville: University of Virginia Press, 2022. https://rotunda.upress.virginia.edu/founders/


Said, Edward W. 1978. Orientalism. New York: Pantheon Books.


Zybok, Oliver. „Memes – Ursprünge und Gegenwart.“ In: Kunstforum International, Bd. 279 (Memes. Kunst, Kultur und Politik der Bild-Text-Kombination), 2022, S. 46–85.


 

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