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F. Zones and Memes. Sieben Jahre Lehre und Forschung am IGmA

F. Zones and Memes. Sieben Jahre Lehre und Forschung am IGmA

 

 

Nun geht sie also zuende, meine über siebenjährige Tätigkeit am IGmA. Es waren aufregende und hochproduktive Semester, geprägt von unterschiedlichen Aufgaben, Herausforderungen – und nicht zuletzt von einer Pandemie, die uns zwang, Forschung und Lehre neu zu denken.

Begonnen habe ich am IGmA im Kontext des Forschungs- und Vermittlungsprojekts Rechte Räume, das der Frage nachgeht, wo und wie antisemitisches, rassistisches, kolonialistisches und nationalsozialistisches Gedankengut architektonisch sowie stadträumlich sichtbar wird. Von Anfang an interessierte mich dabei nicht nur die diskursive Analyse, sondern auch die performative Dimension, die über klassische Forschungsstrategien hinausgeht: Wie lässt sich das dialektische Verhältnis von historischem Raum und Gegenwart kritisch erfahrbar machen? Meine Antwort lag in der In-situ-Forschung – in Walks, Exkursionen und Feldstudien, die stets im Dialog mit Studierenden, Expert:innen und der Zivilgesellschaft stattfanden.

Gleichzeitig stellte sich von Beginn an die Frage, wie diese performanten Aktionen dokumentiert werden können. Ich habe verschiedene Medien und Darstellungsformen erprobt und schnell festgestellt: Insbesondere das Videoformat erlaubt es, meine Anforderungen am besten zu erfüllen. Als multisensorisches Medium kann es – freilich mit Abstrichen – auditive und visuelle Beobachtungen, Phänomene und Manifestationen vermitteln, wie es sonst nur in Präsenz möglich wäre.


Theorie: Zwischen Ideologiekritik und ästhetischer Praxis


Meine Forschung und Lehre am IGmA bewegt sich in einem Spannungsfeld zwischen Ideologiekritik und einer erkenntnisgeleiteten ästhetischen Praxis. Diese Praxis beschränkt sich nicht auf eine visuell-oberflächliche Analyse, sondern berücksichtigt insbesondere die Affizierung des Subjekts – jenen vorbewussten Körperzustand, der sich vollzieht, bevor er benannt werden kann.

Denn was bedeutet Affekt? Die Tradition reicht von dem Rationalisten Baruch de Spinoza, der Affekte als Steigerung oder Verminderung der Handlungsfähigkeit beschrieb, über die Poststrukturalisten Gilles Deleuze und Félix Guattari, die sie als unpersönliche Intensitäten jenseits individueller Psychologie fassten, bis zu dem kanadischen Philosophen Brian Massumi, der Affekt als Schwellenzustand zwischen Körpern versteht. Für meine Arbeit zentral ist Sara Ahmeds Konzept der stickiness (Ahmed 2004, 90). Die These der Geschlechterforscherin lautet, dass Affekte durch Zirkulation affektive Haftkraft entwickeln, durch die bestimmte Muster emotional haften bleiben und zur politisch mobilisierbaren Emotion werden können.

Interessant dabei ist: Bereits zwei englische Architekturtheoretiker des späten 18. Jahrhunderts – William Gilpin und Uvedale Price – reflektierten diese präkognitive Dimension ästhetischer Erfahrung. Spätestens Gilpins Formulierung „We rather feel, than survey it“ nimmt Diskurse vorweg, die sich erst Ende des 20. Jahrhunderts in den Affect Studies systematisch formieren (Gilpin 1792, 50). Diese Autoren etablierten zugleich eine Praxis des Reisens als ästhetische Übung: Die sogenannten picturesque tours durch die britische Landschaft, aber auch Grand Tours nach Italien und koloniale Expeditionen über Indien, Südamerika oder in den Südpazifik – all diese Bewegungen waren nicht bloß Ortswechsel, sondern Wahrnehmungsschulen. Sie lehrten einen Blick, der Räume nicht einfach rational dokumentiert, sondern im Prozess der Betrachtung erst als solche konstituiert.

Diese Perspektive, die es gilt kritisch zu beleuchten, erweitere ich mit Jean Baudrillards Theorie der Hyperrealität, die erklärt, wie selbstreferentielle Zeichenzirkulation Realitätseffekte erzeugt, die wirkmächtiger sein können als die Realität selbst (Baudrillard 1994). Edward Said wiederum zeigt mit seinem Konzept der Imaginative Geographies, wie Räume mit ideologischen Zuschreibungen besetzt werden – der Orient als erfundene Wissensformation und zugleich als „underground self“ des Westens, konstituiert durch Othering als Sehnsuchtsort und fundamental different zugleich (Said 1978, 7). Diese koloniale Grundstruktur prägt bis heute, wie wir Räume wahrnehmen, darstellen und bewerten.

Meine Lehre nimmt diese Einsichten auf: Studierende sollen nicht nur analysieren, sondern die affektiven Dimensionen des gebauten Raums am eigenen Körper erfahren und diese Erfahrungen medial reflektieren. Dabei haben wir auch mit digitalen Memes (bestehend aus Bildern, Grafiken, Videos, Textbeiträgen etc.) gearbeitet. Oliver Zybok begreift diese als Konsequenz einer kunsthistorischen Linie, in der durch technische Beschleunigung und gesteigerte Zirkulationsdichte die konzeptuelle Distanz zugunsten hyperrealer Simulation schwindet, wobei gerade aus dieser Simulation in „Communities of Practice“ (Limor Shifman) durch kollektive Semiose neue, geteilte Realitäten erwachsen (Zybok 2022, 58). Die Meme-Kultur operiert dabei strukturell ähnlich wie ältere Bildpraktiken: Flüchtiges wird entkontextualisiert, rekombiniert, weiter zirkuliert – Prozess wird in Muster überführt, Affekt in Archiv. In dieser prä-ideologischen Operation liegt das Politische verborgen. Dass beispielsweise Architekturbilder in rechten Online-Netzwerken als affektive Resonanzräume fungieren, in denen aus diffusen Atmosphären kohärente Ideologien erwachsen können, ist Gegenstand meiner Lehre und Forschung.


Die folgenden Beiträge dokumentieren, wie diese theoretischen Perspektiven in konkreten Projekten Gestalt annahmen.


Ausblick

Video hat sich für mich als ideales Medium erwiesen, um das zu vermitteln, was sich in Texten und Bildern allein nicht fassen lässt: die multisensorische Erfahrung des Raums, das dialektische Verhältnis von Gegenwart und Geschichte, die affektive Dimension des gebauten Umfelds.

Dabei folgt die Videopraxis einer Logik, die ich auch in meiner Forschung verfolge. Sie arbeitet mit Konstellationen, die strukturelle Kontinuitäten sichtbar machen, ohne sie diskursiv zu duplizieren. Die Videos erklären nicht nur, sie arbeiten ästhetisch. So legen sie eine Operation offen, die für Wahrnehmungskonstruktionen konstitutiv ist: die Fixierung flüchtiger affektiver Momente. So wie historische visuelle Instrumente die vorüberziehende Landschaft rahmten, fixiert die Kamera den ephemeren Stadt- und Landraum.

Diese Fixierung ist zugleich ein lebendiges Archiv, das Prozesse in dokumentierte Erfahrung überführt. Die Sammlung versteht sich notwendigerweise als unabgeschlossen, denn die Zirkulation der Phänomene, die wir untersuchen, geht weiter. Sie ist selbst eine kritische Praxis, die versucht, Wahrnehmungsmuster reflexiv zu wenden – und dabei in die Muster verstrickt bleibt, die sie untersucht.



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Bibliographie:


Ahmed, Sara. 2014. The Cultural Politics of Emotion. 2nd rev. ed. Edinburgh: Edinburgh University Press.


Baudrillard, Jean. 1994. Simulacra and Simulation. Translated by Sheila Faria Glaser. Ann Arbor: University of Michigan Press. Ursprünglich erschienen 1981 bei Editions Galilée. https://archive.org/details/baudrillard.-1970.-the-consumer-society


Gilpin, William. 1792. Three Essays: On Picturesque Beauty, on Picturesque Travel, and on Sketching Landscape. London: R. Blamire. Nachdruck, Farnborough: Gregg International, 1972.


Said, Edward W. 1978. Orientalism. New York: Pantheon Books.


Zybok, Oliver. „Memes – Ursprünge und Gegenwart.“ In: Kunstforum International, Bd. 279 (Memes. Kunst, Kultur und Politik der Bild-Text-Kombination), 2022, S. 46–85.


 

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