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Wuchernde Bezugnahmen und unterstellte Wahlverwandtschaften: Unterwegs auf den Feldern der Ökologie der 1980er Jahre

Christian Vöhringer, Hans-Joachim Hahn

Kapitel

Abstract

Verweise

Schlagworte & Personen

I. Wald

II. Bewusste Begriffswahl, Anlehnungen und Zuschreibungen

III. Heimatgewinn/-verlust

IV. Die Zukunft des Planeten / Aktualisierungen

In ihrem Aufsatz gehen Christian Vöhringer und Hans-Joachim Hahn den Verflechtungen der grünen und Alternativbewegungen in der BRD seit den 1970er Jahren mit antimodernen und zum Teil offen rechtsextremen Positionen und Personen nach.

ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen

Markierung: an

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Wuchernde Bezugnahmen und unterstellte Wahlverwandtschaften: Unterwegs auf den Feldern der Ökologie der 1980er Jahre

Christian Vöhringer, Hans-Joachim Hahn

In den zurückliegenden Debatten über „rechte Räume“1 blieben die landschaftlichen Gefilde und Gegenden jene terra incognita, welche erstaunlich deutungsoffen oder auch nur ungedeutet den politischen Zurechnungen in Lager und Gruppierungen widerstanden. Als Naherholungsgebiete und Kurzurlaubsziele haben viele Gebiete offenbar Teil an der kollektivsymbolischen Neutralität der Schweizer Alpen, deren scheinbar ewige Naturgewalt sich politischen Fragen entzieht, solange man nicht nach Tunneln, Bunkern und versteckten Tresoranlagen oder dem Klimawandel fragt. So mag die Scheinneutralität des landschaftlichen oikos – wörtlich ja ein „Haushalt“ und alles Dazugehörige, hier zugleich Natur- und Kulturhaushalt – auch daran liegen, dass zeichenhafte Setzungen, die man als „links“ oder „rechts“ hätte betiteln wollen, höchstens zum Aussichtspunkt und seinem Monument gehörten, nicht aber zum Gegenstand der eigentlichen Betrachtung, nicht ins Panorama, solange dieses nicht historisiert oder in Besitzverhältnissen gedacht und nach Gebrauchsspuren befragt wurde. Aber um Letzteres zu tun, dafür war man nicht hinausgefahren ins Grüne! 


Zu den sprechenden Ausnahmen darf man einige „Waldstücke“ zählen, namentlich den Forst zwischen Frankfurt und Walldorf, wo Anfang der 1980er Jahre die Startbahn 18 West gebaut werden sollte. Zu den paradoxen Strategien, den Wald vor der Rodung zu schützen, gehörte die zeitweilige Ansiedlung der Startbahn-Gegner2 mit einigen hundert Hütten, Höhlen und Baumhäusern, errichtet weitgehend mit archaisch anmutenden Mitteln, seltener auch Materialien aus dem Baumarkt. Der Aufwand folgte dabei sowohl jahreszeitlichen Temperaturschwankungen als auch der angekündigten staatlichen Gegenwehr im Namen der Flughafengesellschaft, welche ihre bis ins Jahr 1965 zurückreichenden Planungen durch polizeiliche Räumung umsetzen wollte. Die Besetzer kamen aus dem linken Spektrum Frankfurts und anderer Städte, unter den Sympathisanten waren aber auch konservative Mitbürger, deren „begründete Interessen“ in ganz anderen Bereichen lagen – in einem Ballungsgebiet wie dem Rhein-Main-Gebiet fühlten sich von den neuen Einflugschneisen Viele vom erwarteten zusätzlichen Fluglärm betroffen. Auch ein nahegelegenes Vogelschutzgebiet besaß besonderen Wert als Ökotop, und nicht zuletzt kam es zu einer bildträchtigen Allianz mit Jägern, die um ihre Jagdrechte fürchteten. Fast schon vergessen zu sein scheint inzwischen die einstige gesellschaftsübergreifende Sorge um den Wald, der insgesamt im sauren Regen zu sterben drohte.


Abb. 1


Das Sterben der Wälder durch den sauren Regen, der hauptsächlich von Kohlekraftwerken verursacht wurde, rief damals Proteste hervor in verschiedenen politischen Lagern, Bilder abgestorbener Bäume hatten als Zeichen für die Umweltzerstörung in vielen Medien eine große Reichweite; der bedrohte Wald, auch der Autobahnen oder Flughafenerweiterungen gewichene, wurde Anfang der 1980er Jahre in Deutschland unter dem Motto „Rettet den Wald“ zum Emblem für eine radikale Fortschrittskritik.3 Ein breites gesellschaftliches Bündnis für eine stärkere und bessere Berücksichtigung von Umweltproblemen organisierte sich unabhängig von parteipolitischem „links“ oder „rechts“, bereitete aber offenbar auch wieder Verständnis für anachronistische Auffassungen von Heimat und Natur. Bei dem wie Botho Strauß oder Martin Walser in den 1970er Jahren auf der Linken verorteten Filmemacher Hans-Jürgen Syberberg etwa lesen wir vom Bagger als „Panzer des Friedens“ beim Abräumen im Harz und eine Selbstreflexion über die Dialektik des Protests: „War ich nicht herausgekommen, um zu protestieren, zu toben und zu weinen? Sobald wir von der passiven Trauer zur aktiven Anklage kommen, sind wir verloren im neuen Gesetz der Faszination dessen, das gut zu tun, was uns umbringt.“ Was hier in unklarer Syntax vorgebracht wird, soll offenbar eine Komplizenschaft des gegen die Zerstörung des Waldes Angetretenen andeuten, der einer Faszination an der Zerstörung erliegt – einem ästhetischen Reiz des mit technischem Gerät ausgestatteten Filmemachers? An anderer Stelle steht: „Alle Wälder tot. Soll ich weitermachen?“4 Mit dem zunehmenden gesellschaftlichen Bewusstsein für die Grenzen des Wachstums (orig.: The Limits of Growth), wie der bekannte, 1972 vorgestellte Bericht des „Club of Rome“ hieß, bestimmte nach Ansicht von Lutz Niethammer „im Zuge der erneuten Beschleunigung der Hochrüstung und des Bewusstwerdens der Energie- und Umweltkrise […] seit den 1970er Jahren ein prophetischer Ton“ die oft endzeitlichen Darstellungen der Zukunft, wie etwa in Jeremy Rifkins Entropie, ein neues Weltbild aus dem Jahr 1982.5

Im Zuge einer radikalen Infragestellung des seit der Aufklärung im Westen dominant gebliebenen Fortschrittsparadigmas kehrten in den frühen 1980er Jahren kulturkonservative und vereinzelt völkische Topoi wieder, die auch in architekturtheoretische Debatten einflossen.6 Ein kursorischer Blick in die Ausgabe 1/2 der Bauwelt aus dem Januar 1983 etwa zeigt dort u.a. Ausschnitte aus Texten von Oswald Spenglers Der Untergang des Abendlandes oder Ernst Jüngers Eumeswil – neben kritischen, begriffsreflexiven Aufsätzen zu den Leitsternen „Posthistoire“ und „Postmoderne“. Die Debatte wurde Disziplinen übergreifend entgrenzt. In einem Artikel des Soziologen und FU-Professors Dietmar Kamper, dessen Schriften sein FU-Kollege und Literaturwissenschaftler Klaus Laermann zwei Jahre später zum Symptom für das „rasende Gefasel der Gegenaufklärung“ erklären sollte,7 heißt es, dass sich „die planetarische Perspektive, dass die arme malträtierte Erde, dieses gekrümmte Universum, die einzige Heimat“ sei, nicht mehr länger „mit der geschlossenen Welt des Subjekts“ vertrage.8 Sprachspielerisch oder nur Sprachgewalt demonstrierend nennt Kamper das „Gehirn“ und die „Gebärmutter“ die produktivsten Organe des Menschen, denen er das Machen von „Legenden und Mythen“ als „faschistoid“ entgegensetzt.9 Hier kippt die Kritik am autonomen (=männlichen) Subjekt der bürgerlichen Moderne in ein die Auflösung des Subjekts idealisierendes Sprachspiel, dessen Gegenüberstellungen vom Verstand kaum noch sinnvoll gedeutet werden können. Wie wäre etwa die hier gesetzte Opposition von „Gehirn“ und den pauschal als „faschistoid“ bezeichneten „Mythen und Legenden“ zu erklären, wenn dieses Organ offensichtlich Mythen sowohl produzieren, reflektieren und ignorieren kann?

Auch die Zeitschrift für „Umweltplanung…“ ARCH+ hat 1982 in ihrem Heft 62 einen frühen Beleg für die ökologische Debattenkultur in der Architektur und Stadtplanung gegeben. Fotostrecken, Tagebuchauszüge, Auszüge aus Forstbesetzerliteratur Forst stehen für teilnehmende Beobachtung, dichte Beschreibung und Stärkung der Partizipation gegen eine lang zurückliegende (Planungsbeginn ca. 1965) und inzwischen obsolete obrigkeitsstaatliche Startbahn-18-West-Planung, die in der zweiten Regierungszeit Holger Börners durchgesetzt werden sollte. Argumente für die zusätzliche Landebahn sucht man in der ARCH+ vergeblich, wohingegen manche Illustration des Berichts für den Nachbau detailliert genug ist und auch Hinweise auf soziale Konflikte in der Selbstbestimmung lösungsorientiert sind.


Abb. 2


Verglichen mit dem Heft 61, das ausführlich von Westberliner Modellen der Stadterneuerung und Partizipation wohl vor dem Hintergrund des Wechsels bei der IBA 84 von Hardt-Waltherr Hämer zu Josef Paul Kleihues handelte, lesen sich die Beiträge zum Waldcamp gegen die Startbahn 18 West in Heft 62 wie ein Journal einer ethnologischen Feldforschung. Und offenbar stand dieser Wald stellvertretend für andere, ja für eine erweiterte Dialektik, wonach nicht nur die Bäume in Wald umschlagen, sondern bedrohte Waldstücke auch in Umweltzerstörung und „das Waldsterben“, wenn nicht gar in den nahenden Weltuntergang.

Sicherlich waren dies keine „Waldgänge“ à la Ernst Jünger, den Oliver Jahraus11 jüngst als Vordenker der Grünen vorschlug. Denn hier betrat nicht ein einzelner als Krieger aristokratischer Gesinnung den Wald, um sich dem gleichmacherischen Wandel der modernen Welt entgegen zu stellen12 – gleichwohl existierte die Frage nach der Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung auch hier. Eine neue außerparlamentarische Opposition fand schließlich ihren Weg in die Parlamente, es war die formative Phase der Grünen als Partei in verschiedenen sozial-ökologischen Bewegungen, ein Sammelbecken vieler Bürgerinitiativen und Natur- und Umweltschutzvereine, der Frauenrechts- und Friedensbewegung und des Anti-Atombündnisses. Unbestritten wurde die Gründung der Grünen von rechten Gruppen mitbestimmt, die bis in Lebensreform und Nationalsozialismus zurückreichten.13 Bei der hessischen Landtagswahl Ende 1982 scheiterte die sozialliberale Regierung unter dem SPD-Ministerpräsidenten Börner ebenso wie die gleichnamige Ära auf Bundesebene an der FDP und wurde jetzt von den Grünen toleriert, die 8 Prozent erhalten hatten. Joschka Fischer gehörte ab 1982 der Grünen-Fraktion des Bundestags an und wurde 1985 ins Kabinett Börner berufen als Minister für Umwelt und Energie. Dazu hatten insgesamt Feindbild und Selbstentlarvung der Technokratie und Machbarkeitseuphorie beigetragen, gegen eine knappe Mehrheit in der SPD und gegen fast die gesamte CDU; die vormals regionalen Initiativen, etwa Wyhl, Brokdorf, Startbahnwest, Rhein-Main-Donaukanal vernetzten sich zusehends und gewannen überregionale, symbolische und politische Bedeutung.

Hier müsste also der Unterschied anerkannt werden von einer kollektiven, sich selbstermächtigenden, weitgehend friedlichen und am Gemeinwohl orientierten Bewegung, die ihren zivilen Ungehorsam als Widerstand medial zu präsentieren wusste: gegen die feudale Geste des ritterlichen Rückzugs zum letzten Gefecht, seine Gewaltorgie und die ästhetisierten Exzesse in Jüngers Auf den Marmorklippen. Zugleich können rückblickend thematische Berührungspunkte mit reaktionären Grundüberzeugungen nicht übersehen werden, wenn nachhaltige Produktions- und Lebensformen auf Autarkie- und Subsistenzüberlegungen basieren, die auch im Nazismus wie zuvor in einigen Reformbewegungen einen hohen Stellenwert in völkischem und rassistischem Denken besaßen. Umso deutlicher aber muss Jahraus‘ Kritik der grünen Empörung, die 1982 anlässlich der Verleihung des Goethepreises der Stadt Frankfurt an Jünger hochkochte, abgelehnt werden als Versuch einer Normalisierung rechtskonservativer Kulturkritik.14 Denn dieser Logik folgend stünden alle, die für diesen Planeten bzw. für bestimmte historisch oder natürlich gewordene Orte auf diesem oder auch für Selbstbestimmungsrechte eintreten, in der Nachfolge Jüngers – oder gar in inhaltlicher Nähe zur Identitären Bewegung, zur AFD etc. pp.. Hätte hier nicht zur Verantwortung des Germanisten Jahraus wie des Kursbuch-Herausgebers Armin Nassehi gehört, jegliches rechtes mainstreaming zu vermeiden?


II. Bewusste Begriffswahl, Anlehnungen und Zuschreibungen

Ästhetische Nähe in expressionistischer Stil- oder romantischer Motivwahl bedeutet eben noch kein gemeinsames politisches Denkmuster, hier ganz im Gegenteil. Die noch jungen Grünen hatten ihre Ablehnung der Preisverleihung an Jünger damit begründet, dass in der Bundesrepublik mit ihrem weitgehend „unbewältigten Faschismus“ ein solcher Preis nicht ohne Ansehung der „politischen Moral“ des Preisträgers/der Preisträgerin verliehen werden könne. Auch Jahraus sieht hier zunächst unvereinbare Perspektiven aufeinanderstoßen, denn Jünger beziehe sich auf die Begriffe „Würde“ und „Ehre“.15 In Jüngers Begriffen erkennt Jahraus „Selbstbeschreibungsmodelle“, die aus einem militärischen Verhaltenskodex herrührten. Diese Begriffe gehörten zum „Konzept der Haltung“, welches Jünger schon früh entwickelt habe, um Ansprüche – etwa einer politischen Moral – abzuweisen, und das er „vor allem in Abwehr gegen die Übergriffe der NS-Diktatur entwickelt“ habe. Das freilich ist eine offensichtlich falsche Behauptung, denn Jünger entwickelte diese deutlich früher als radikaler Nationalist und Antidemokrat in Ablehnung der Weimarer Republik. Zudem ist der Begriff der „Haltung“ – gerade auch innerhalb der Architektursprache – eine problematische, „deutende Kategorie“, die um 1900 zum Begriff des Stils in Konkurrenz trat und diesen – teilweise – ablöste, wenn sich die „Entwurfshaltung“ im Gebäude ausdrückte. Daher plädierte Dietrich Erben mit Blick auf die Entwicklung von „Haltung“ zum ideologischen Kampfgriff während des Nationalsozialismus etwa bei Paul Schmitthenner oder dem Kulturanthropologen Erich Rothacker dafür, auf den Begriff zu verzichten.16 Nur am Rande sei erwähnt, dass eine philologische Kritik Jüngers stratifizierendes Denken in Typen zu berücksichtigen hätte, wo „der Arbeiter“ oder „der Krieger“ sich dem gesellschaftlichen Wandel eben vermeintlich durch ihre je authentische Haltung entziehen können.17

Um welche Gemeinsamkeit, „gedanklich und ideologisch“, könnte es Jahraus gegangen sein, wenn die von ihm behauptete „Konvergenz von Jünger und den Grünen“ letztlich genauso kontraintuitiv erscheint wie vier Jahrzehnte früher der Rückgriff Rolf Peter Sieferles auf Paul Schultze-Naumburg und den Heimatschutz-Gedanken in nationalistischer Verkürzung?18 Zunächst irritiert an Sieferles Beitrag für die ARCH+ die primärkundliche Verwendung wenn nicht strategische Neuaneignung veralteten Vokabulars. Nur scheinbar nimmt er eine historisierende Position gegenüber Landschaftsveränderungen im 19. Jahrhundert ein, wenn Annette von Droste-Hülshoff als Zeugin zitiert und damit das Münsterland evoziert wird, das damals noch weit vom Ruhrgebiet entfernt und doch sozialgeographisch direkt betroffen war von dessen Industrialisierung. „Heimatschutz“ firmiert plakativ und provokant im Titel, aber der Artikel wird nicht auf der Titelseite angekündigt. Vermutlich erschien dieser Beitrag zur großen Überraschung der Mehrheit ihrer regelmäßigen westdeutschen Leserschaft, während den Schweizer Abonnenten die Vokabel durch die Überordnung von Heimatschutz über Denkmalschutz und Naturschutzbehörden noch im alltäglichen Gebrauch geblieben war und bis heute ist, welcher auch historisch im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts weite Verbreitung fand.19

Kein editorischer Paratext moderierte diesen Artikel an, der weder kritische Stellungnahme zu oder Auseinandersetzung mit Schultze-Naumburgs programmatischer Unterstützung des Nationalsozialismus war, noch die völkischen Ideologeme zumindest dort eingeordnet hätte. Sieferles Festlegung auf romantische und vorromantische Landschaft war keinesfalls zwangsläufig und gründet insofern in seinen persönlichen Absichten konservativer Zivilisationskritik. So stellt sich heute wiederum, also fast vierzig Jahre später, die Frage, welche Lesarten in den 1980er Jahren für diesen „umweltgeschichtlichen“ Text denkbar waren?

 Zum einen ist es unbestreitbar eine Einübung in konservativ-reaktionären Sprachgebrauch, der im Felde der Sprache nachholt, was bereits früher mit Léon Krier über Speer, aber auch Vittorio Magnago Lampugnani und anderen im visuellen Feld mit Bauten Albert Speers, Paul Schmitthenners und Paul Bonatz’ (u.a.) geschehen war.


Abb. 3


Naiv oder positivistisch ausgedrückt wurde der vermeintlich einseitige, „propagandistische“ modernistische Kanon um Facetten bereichert oder sogar eine unterstellte damnatio memoriae aufgehoben. Aber wie bei diesen Autoren können auch bei Sieferle, damals Mitarbeiter an einem Projekt am Lehrstuhl Klaus Michael Meyer-Abichs in Essen über „Die Sozialverträglichkeit verschiedener Energiesysteme in der industriegesellschaftlichen Entwicklung“, Lust an der Provokation und die zu erwartende Aufmerksamkeit nicht als Antrieb ausgeschlossen werden, ebenso wenig wie naive Begeisterung für Paul Schultze-Naumburgs Rhetorik in Wort und Bild, dessen autoritative Bildpaare, die das je „echte“ und ortszugehörige Bauwerk vom fremden und anderweitig schlechten absetzte und doch zugleich auch eine weitverbreitete „Schule des Sehens“ wurde.


Abb. 4



III. Heimatgewinn/-verlust

#Migration

Ebenso offensichtlich wie widersprüchlich ist „Heimat“ bei Sieferle etwas vorhistorisch Vorgefundenes, jedenfalls nichts, was unter Beteiligung der SPD-nahen und gewerkschaftseigenen Neuen Heimat (NH) hätte entstehen können, wie zum Beispiel die Siedlung Emmertsgrund südlich von Heidelberg. Das liest sich in Saša Stanišićs Roman Herkunft (2019) durchaus komplexer, der Autobiografie-nahe Ich-Erzähler nennt die Siedlung, die als „zweites Zuhause“ der aus Visegrád geflüchteten Familie Bedeutung erlangt, zwar ironisch ein „Städtebauprojekt, bei dem mit Beton nicht gegeizt worden war“. Zugleich aber erwähnt er auch die Platzierung des Modellprojekts in der Landschaft:

 „Dafür gab es Hanglage mit Blick auf die Rheinebene und immerhin Weinberge in den Ausläufern des Naturparks Neckartal-Odenwald.“20

Und nach der Schule traf man sich an der gemeinschaftsbildenden Aral-Tankstelle.21 Es interessierte Sieferle zudem nicht, dass der Heimatstil im Nationalsozialismus viele Siedlungen mit verordneter Gleichheit produziert hatte, mit nur geringen regionalen Anpassungen, vorgetäuscht handwerklich, aber industriell unter Einsatz von Zwangsarbeitern errichtet. Da dies alles keine Erwähnung findet (obwohl Forschungen dazu u. a. von Tilmann Harlander und anderen vorlagen, die auch in der ARCH+ früher in modernem, weiterer Reflexion offenstehendem Vokabular eine Rolle gespielt hatten22) muss man feststellen, dass es Redaktion und Autor eben nicht um diese Gegenstandsbezüge ging. Die Geste zählte: Man war so frei und erlaubte sich kurz nach dem Habermas-Text zu Postmoderne und Posthistorie einen anti-modernen Beitrag zur Debatte, der aus heutiger Sicht reaktionäre Merkmale trägt.23 Deutete sich hier erstmals die nun verbreitete Nachahmung linker Volten und Tabubrüche im rechten Lager von Intellektuellen an, die heute mit Marc Jongen und anderen auch an Hochschulen und in Parlamenten auftritt gegen einen mutmaßlichen linken Mainstream?

Das mag eine weitere Bezugnahme und ausführliche kunstwissenschaftliche Beschäftigung mit Schultze-Naumburg belegen, die Dissertation von Norbert Borrmann, die sich selbst ausdrücklich als eine Ehrenrettung des Architekten, Autoren und NS-Ideologen —bei Borrmann „Maler – Publizist – Architekt“— versteht, wozu sein kulturpolitischer Einsatz für den deutschen Faschismus relativiert wird als „Kulturpolitiker im Dritten Reich“.24 Aber auch beispielsweise durch eine Darstellung rassistischer Ideologie in ihrem damaligen pseudowissenschaftlichen Kontext, wodurch diese selbst zu einer wählbaren Meinung unter anderen wird. Schwer verständlich wirkt in diesem Zusammenhang rückblickend, dass Julius Posener für ein Vorwort gewonnen werden konnte, der sich nostalgisch an die schönen Bücher der Kulturarbeiten erinnert und bereit ist, den reformorientierten Autor vom Blut-und-Boden-Denker zu trennen.25 Eine eloquent um differenzierte, aber auch durch subjektives Miterleben geprägte Würdigung der Reformbewegungen und des Deutschen Werkbundes koinzidierte um 1980 mit postmodernen Positionen und Helmut Kohls „Gnade der späten Geburt“, die symbolisch teilhat an der sogenannten „geistig-moralischen Wende“, welche den Neuen Rechten in der CDU wie außerhalb weiteren Zulauf bringen würde.26 Die problematischen Aneignungen Sieferles setzen sich bis zu seinem nachgelassenen politischen Traktat zum Ende Germaniens fort, wie andernorts gezeigt wurde.27

Eine wiederkehrende Frage lautet, wieviel kritische Reflexion erfordern solche reaktionären Debattenbeiträge mit geringem Forschungsanteil heute von uns, wenn ihre Gegenstandsbezüge und Problemstände nicht selbst der erneuten Reflexion bedürfen? Am Beispiel „Heimatschutz“ wird deutlich, dass implizite Deutungsmuster übernommen würden, wenn dieser Begriff in Fragen von Umwelt und Ökologie restauriert würde – solch lesende Komplizenschaft aber liegt uns fern und zeigte sich objektiv auch 1982 in der ARCH+ nicht. Das heutige Interesse liegt insofern wohl dort, wo Sieferle das Feld der Ökologie damals nach „rechts“ verschieben konnte, zumindest aber eine anschlussfähige Umformulierung in der ARCH+ vornahm. Anders ausgedrückt: Wo es Meyer-Abich um zukünftig mögliche und damit problemlösende Energieträger und -systeme ging, überwog bei Sieferle der kulturpessimistische, weil unwiederbringliche Verlust (von unterirdischem Wald, Boden und Heimat), wie bei Ernst Jünger, Hans Sedlmayr und anderen.

Was waren Sieferles Strategien oder welche Interpretationsmuster seiner Modernekritik erschienen – obwohl in wertkonservativem Denken oder rechtsnationaler Kulturkritik verankert – zumindest für eine gewisse Zeit bündnisfähig mit ökologischen Überlegungen, die sich als „Bündnis mit der Natur“ gerne apolitisch, wenn nicht ahistorisch sahen? Darauf wirft ein weiterer Text ein Schlaglicht, den der Kunsthistoriker Hans Sedlmayr 1983 für den Begleitband einer ökologischen Fotoausstellung verfasste, welche in wiederum paarweiser Gegenüberstellung den Verlust an „lebendiger Landschaft“ beklagte.28 „Lebendig“ oder „tot“, dazwischen gab es bei Sedlmayr nichts – und angeblich bestand auch keine Deutungsunsicherheit, was als „organisch-lebendig“ oder als „synthetisch“, „anorganisch und tot“ zu gelten habe. Diese harte Zweiteilung, der alle Stoffwechsel und Kreisläufe fremd sind, nimmt Sedlmayr ausgerechnet vor mit Bezug auf Alwin Seifert, den Autor von Im Zeitalter des Lebendigen: Natur, Heimat, Technik aus dem Jahr 1941, gefördert von Rudolf Hess und Fritz Todt, und einflussreichen Autor von Gartenbaubüchern im Wiederaufbau.29 Vor allem aber setzt Sedlmayr noch einmal seine allumfassende normative Symptomlektüre des geschichtlichen Verfalls in Szene, den Verlust der Mitte, der mit der französischen Revolution begonnen habe.30 1983 schreibt er: „Auch die verschiedenen Richtungen der ‚Postmoderne‘ in ihrer falschen Lebendigkeit sind die abstrakte Moderne im Städtebau bis heute nicht losgeworden. Solange die einzelnen Elemente des Hauses starr und kalt sind, hilft ein Durcheinanderschieben der Blöcke und Dächer oder das Applizieren von Türmchen und Veranden nicht nur nichts, sondern macht im Gegenteil nur aufmerksam, wie leer von wirklichem Leben dieses Getue der Komponenten ist.“ Offenbar war dies sein letzter Text, der, um Aktualität bemüht, nun auch die Postmoderne dem Verlust zurechnete.31


IV. Die Zukunft des Planeten / Aktualisierungen

#Globalisierung

Zwar zeigt Jahraus richtig, dass Heidegger und Jünger Globalisierung als „Bedrohungs-szenario“ aufgefasst hätten, gegen das sie ein „planetarisches Denken“ entwickelten, das die Welt als Ganzes wahrnahm.32 Dagegen sei Globalisierung ohne Verantwortung für den Planeten, wobei Jahraus offenlässt, ob das seine Position oder noch eine Zusammenfassung von Jünger und Heidegger meint. Nur indem er diese sehr einseitige Sicht auf Globalisierung affirmiert und zugleich ein „planetarisches Denken“ auch noch in einem Satz wie „Lasst uns wieder einmal die Welt retten“ am Werke sieht, kann er am Ende seines Textes den Vorwurf erheben, dass sich darin „planetarisches Denken mit einem bedenklichen Einschlag“ äußere, das sogar über Jünger hinausgehe.33

Planetarisches Denken verbindet offenbar viele politische, soziale, kulturelle und wissenschaftliche Projektgruppen der Gegenwart mit ebenso vielen unterschiedlichen, weitzurückreichenden oder unausgesprochenen Begründungszusammenhängen, über welche im Einzelnen nicht immer Klarheit bei den Mitgliedern herrschen mag, ganz wie dies der Germanist Jahraus der Grünen-Politikerin Annalena Baerbock wegen ihrer Weltrettungsrhetorik unterstellte, freilich dabei mehr als eine Generation überspringend. Wenn Zeitstellungen so ungenau erfasst werden, kann von historischem Interesse an den 1980er Jahren und der erstarkenden ökologischen Bewegung nicht die Rede sein, weshalb im Umkehrschluss Ernst Jünger die Reverenz erwiesen wird, als verkanntem Spiritus Rector und seherischem Mahner vor Umweltzerstörung. Nur, mit welchem Recht?

Momentan gehört Bruno Latour mit seinem „Gaia-Projekt“ und seinen direkten Bezügen zu Lynn Margulis, begrifflich auch zu James Ephraim Lovelock, sicherlich zu den bekannteren „planetarischen Denkern“, die sich seit langem der Kritik esoterischer Remythisierung aussetzen; aber auch das Programm der Vereinten Nationen für menschliche Siedlungen – UN-Habitat (United Nations Human Settlements Programme) und der neue Bericht des „Club of Rome“ dimensionieren planetarisch, obgleich im Kern aus guten Gründen geopolitisch, also an Territorien gebunden, weniger subterrestrisch, atmosphärisch oder ozeanisch.

Insofern bestand und besteht keinerlei Anlass, Ernst Jünger zum Kronzeugen einer Sorge um den Planeten zu machen, im Gegenteil, bei ihm scheint die apokalyptische und einzelgängerische Ablehnung der modernen Industriegesellschaft eindeutig reaktionär. Und so verhielt es sich auch mit Rolf Peter Sieferles Wiederbelebung des Heimatschutzbegriffs, dessen es bei erstarkender Umweltschutzbewegung nicht bedurfte. Unser begründetes Interesse kann hier nur noch ein relationales sein mit dem Ziel, aus den Irrtümern und Verdunklungsgefahren für unsere eigene Sorge und Vorsorge zu lernen. Wenn Sieferle später den Ikarussturz bemühte, um seine persönliche Befindlichkeit angesichts drohender globaler Katastrophen zu imaginieren,34 dann fehlte ihm jede Reflexion über die im Mythos von Ovid verhandelten kollektiven Relationen: zu den konkurrierenden Techniken des Daidalischen Segelns oder Ikarischen Fliegens, zum kartographischen Blick über den Planeten und als sozialem Gedächtnis über das Verhältnis von Fluchtversuch und Zeugenschaft.35


Christian Vöhringer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Architekturgeschichte (Ifag) der Universität Stuttgart und am dort angesiedelten Exzelenzcluster IntCDC. Im Auftrag der Wüstenrot-Stiftung bearbeitete er den Nachlass des Architekturtheoretikers Jürgen Joedicke. Hans-Joachim Hahn ist Privatdozent für Neuere deutsche Literatur an der RWTH Aachen. Er wurde 2003 mit einer Studie zur Darstellungen des Holocaust in der deutschsprachigen Literatur und Erinnerungskultur an der FU Berlin promoviert.

1

Vgl. ARCH+ 235: „Rechte Räume. Bericht einer Europareise“, Mai 2019.

2

Aus Gründen der Lesbarkeit des Textes verwenden die Autoren das traditionelle generische Maskulinum, das beide Geschlechter umfasst.

Abb. 1

„Der Wald stirbt“: Die Spiegel-Titelgeschichte vom November 1981 war Auftakt zu einer dreiteiligen Artikelfolge (Spiegel 47-49, 1981), die dem Thema erstmals starke Beachtung einbrachte.

3

Konrad H. Jarausch: „Krise oder Aufbruch? Historische Annäherungen an die 1970er-Jahre“, in: Zeithistorische Forschungen / Studies in Contemporary History, Nr. 3, 2006, S. 334–341.

4

Hans-Jürgen Syberberg: Der Wald steht schwarz und schweiget. Neue Notizen aus Deutschland, Zürich: Diogenes, 1984, S. 27f. und S. 474.

5

Lutz Niethammer: Posthistoire. Ist die Geschichte zu Ende?, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1989, S. 61f.

6

In Rolf Peter Sieferles Fortschrittsfeinde? Opposition gegen Technik und Industrie von der Romantik bis zur Gegenwartaus dem Jahr 1984 werden kontaminierte Begriffe wie „Heimatschutz“ und sogar „Blut und Boden“ wieder in den Diskurs gebracht. Dass dies den Begriffen zumindest zum Teil eine neue Legitimität verschaffen sollte, lässt sich etwa an Sierferles unbelegter These illustrieren, die Formel „Blut und Boden“ habe „[u]rsprünglich“ – also vor dem Nationalsozialismus – „die Identität ansässiger Bauern mit ihrer ‚Scholle‘“ bezeichnet, „also dem Landstück, das sie und ihre Vorfahren seit Jahrhunderten bewirtschaftet hatten“. – Vgl. Sieferle: Fortschrittsfeinde? Opposition gegen Technik und Industrie von der Romantik bis zur Gegenwart, München: C.H. Beck 1984, S. 203.

7

Klaus Laermann: „Das rasende Gefasel der Gegenaufklärung. Dietmar Kamper als Symptom“, in: Merkur, Nr. 433, 1985, S. 211–220.

8

Dietmar Kamper: „Primäre Erfahrung aus zweiter Hand. Das Authentische als Klischee“, in: Bauwelt, Nr. 1/2, 1983, S. 25.

9

Ebd.

10

ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen

Abb. 2

Gebauter Widerstand gegen die Startbahn 18 West bei Frankfurt am Main: Auszug aus der ARCH+ 62: „Ökologisch Planen und Bauen (II)“, 1982, S. 14; Fotos und Zeichnungen von Ute Wittich.

11

Oliver Jahraus: „Der verkannte Vordenker. Ernst Jünger und die Grünen“, in: Kursbuch, Nr.197, 2019, S. 64–78.

12

Ernst Jünger: Der Waldgang. Mit Adnoten von Detlev Schöttker, Stuttgart: Klett-Cotta 2014; erste Auflage 1951. Dort expl. etwa: „Im Waldgang betrachten wir die Freiheit des Einzelnen in dieser Welt. […] Wir leben im Zeitalter des Arbeiters; […]. Der Waldgang schafft innerhalb dieser Ordnung die Bewegung, die sie von den zoologischen Gebilden trennt. Er ist weder ein liberaler noch ein romantischer Akt, sondern der Spielraum kleiner Eliten, die sowohl wissen, was die Zeit verlangt, als auch noch etwas mehr.“ (S. 21) – Vgl. zu Jüngers Waldgang auch das Kapitel „Jüngers Waldgang“ in: Niethammer, Posthistoire, a. a. O., S. 82–104. – Allgemein zu Jüngers Demokratiefeindlichkeit und Amoralismus: Irmela von der Lühe: „Ernst Jünger. Der Amoralismus des Ästheten“, in: Zentrum Liberale Moderne (Hrsg.): Das alte Denken der neuen Rechten. Die langen Linien der antiliberalen Revolte, Berlin: Zentrum Liberale Moderne, 2019, S. 9–16.

13

Peter Bierl: Grüne Braune. Umwelt-, Tier- und Heimatschutz von rechts, Münster: UNRAST 2014, S. 42 und S. 53. – Bierl weist u.a. darauf hin, dass die 1965 aus Deutscher Gemeinschaft (DG) und Deutscher Freiheitspartei (DFP) sowie der Vereinigung Deutsche Nationalversammlung (VDNV) von Wolf Schenke hervorgegangene Aktionsgemeinschaft Unabhängiger Deutscher (AUD) mitmischte sowie „der wichtigste Ideologe der sogenannten Neuen Rechten“ in Baden-Württemberg, Henning Eichberg, der aber nicht Parteimitglied wurde.

14

Jahraus, „Der verkannte Vordenker. Ernst Jünger und die Grünen“, a. a. O.

15

Jahraus, „Der verkannte Vordenker. Ernst Jünger und die Grünen“, a. a. O., S. 67.

16

Dietrich Erben: „Haltung“ – zu Karriere und Kritik eines Begriffs in der Architektursprache“, in: Jahrbuch 2014. Fakultät für Architektur Technische Universität München, München 2014, S. 36-41 (https://www.ar.tum.de/fileadmin/w00bfl/ltg/03_Lehrstuhl/Jahrbuch_2014_Text_DE_Haltung.pdf; zuletzt abgerufen am 15. Juli 2021).

17

„Haltung“ erfreut sich nicht erst in jüngerer Zeit neuer Beliebtheit, wobei das im Englischen häufiger verwendete „attitude“ sinnvollerweise meist mit „Einstellung“ übersetzt wird, sich also durchaus wandelt und von Kontext und Objektbezug beeinflussen lässt. Geschichte und Problem des „typus“ in der Architektur war Thema der Dissertation von Nikolaus Kuhnert 1978. – Vgl. ARCH+ 237: Nikolaus Kuhnert. Eine architektonische Selbstbiografie“, 2019, S. 56. – Unverhandelt bleibt in beiden Begriffen der Widerspruch zwischen ewigen und allgemeingültigen Prinzipien sowie dem sich wandelnden Sozialen und Ästhetischen.

18

Jahraus, „Der verkannte Vordenker. Ernst Jünger und die Grünen“, a. a. O., S. 69.

19

„Ingenieurbauten in ihrer guten Gestaltung“ waren 1923 Buchthema des Deutschen Bundes Heimatschutzes und Deutschen Werkbundes, worin sich die synonyme Verwendung von Heimatschutz mit Denkmalpflege und -schutz zeigt.

Abb. 3

Aufhebung der Damnatio memoriae? Das Cover und Backcover von Vittorio Magnago Lampugnanis Architektur und Städtebau des 20. Jahrhunderts (Stuttgart: Hatje, 1980) mit Zeichnung und Porträt von Albert Speer sowie das Cover von Léon Kriers Coffetable-Buch Albert Speer: Architecture 1932-1942 (Brüssel: Archives d'Architecture Moderne, 1985).

Abb. 4

Bildpaare zur ästhetischen Erziehung: Doppelseite aus Paul Schultze-Naumburgs Kulturarbeiten 1, S. 62/63; auf den Seiten S. 57 und 71 heißt es: „Man beachte des ferneren die Anordnung der Fenster und des Daches, Abb. 31 und 32, – überall dasselbe. Leider findet man dasselbe Bild fast bei allen Bauten in der Weise, dass alt = anständig und verständig, neu = unvornehm und unpraktisch ist.“ – Aber wer könnte letzteres sinnvoll beurteilen, wenn die Praxis für die Laderampe in Abb. 32 nicht genannt wird? Viele weitere Bildpaare haben kein Vergleichskriterium, unterstellen und bewerten aber den angemessenen Gebrauch.

20

Saša Stanišić: Herkunft, München: Luchterhand, 2019, S. 126.

21

Stanišić, Herkunft , a. a. O., S. 127: „Die soziale Einrichtung, die sich für unsere Integration am stärksten einsetzte, war eine abgerockte Aral-Tankstelle. Sie war Jugendzentrum, Getränkelieferant, Tanzfläche, Toilette. Kulturen vereint in Neonlicht und Benzingeruch.“

22

Vgl. ARCH+ 39: „Eine Zukunft für den Raum?“, 1978, wo auf Titelebene „Regionalpolitik“, „Raumordnung“, „Suburbanisierung des ländlichen Raums“, „Umweltkritik“ aber auch „soziale Segregation“ sichtbar sind (https://digibus.ub.uni-stuttgart.de/viewer; zuletzt abgerufen am 15. Juli 2021).

23

Jürgen Habermas: „Moderne und postmoderne Architektur“, in (ders.): Die Moderne – ein unvollendetes Projekt. Philosophisch-politische Aufsätze 1977–1990, Leipzig: Reclam, 1990, S. 55–74.

24

Norbert Borrmann: Paul Schultze-Naumburg, 1869–1949. Maler, Publizist, Architekt. Vom Kulturreformer der Jahrhundertwende zum Kulturpolitiker im Dritten Reich. Ein Lebens- und Zeitdokument mit einem Geleitwort von Julius Posener, Essen: Richard Bacht GmbH, 1989. – Die Dissertation entstand 1987 an der FU Berlin, Gutachter waren Peter Kurmann und Hellmut Lorenz.

25

Julius Posener: Berlin auf dem Weg zu einer neuen Architektur. Das Zeitalter Wilhelms II., München: Prestel, 1979, insb. die Kapitel „Kulturarbeiten“, S. 191-197, S. 198-222. – Auch in seinen Vorlesungen hatte Posener vor großem Publikum die ambivalenten Positionen und Entwicklungen in Reformbewegung und Werkbund, an denen er selbst als junger Architekt vor seiner Emigration teilhatte, beschrieben und kritisch den Weg einiger in den offenen Rassismus und Antisemitismus des Nationalsozialismusaufgezeigt.

26

Ohne dass in Vergessenheit geraten dürfte, dass bereits die 1960er Jahre ein offenes Erstarken revanchistischer Gedanken und Parteien kannten, man denke nur an die noch aktuelle Rede Theodor W. Adornos gegen die NPD von 1967, vom verdeckten Weiterwirken früherer NS-Täter zu schweigen. – Vgl. Theodor W. Adorno: Aspekte des neuen Rechtsradikalismus. Ein Vortrag. Mit einem Nachwort von Volker Weiß, Berlin: Suhrkamp, 2019.

27

Hans-Joachim Hahn: „Metaphern des Posthistoire. Geschichtsdenken, Umweltkrise und Rhetorik bei Rolf Peter Sieferle“, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung, Nr. 28, 2019, S. 147–174; Volker Weiß: „Rolf Peter Sieferles Finis Germania. Der Antaios Verlag und der Antisemitismus“, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung, Nr. 28, 2019, S. 123–146.

28

Hans Sedlmayr: „Vom Lebendigen und vom Toten“, in: Dieter Wieland, Peter M. Bode, Rüdiger Disko (Hrsg.): Grün kaputt. Landschaft und Gärten der Deutschen, München: Raben, 1983, S. 190–195. – „Hinab zum Anorganischen“ war bereits 1948 der Tenor in seinem Buch Verlust der Mitte.

29

Alwin Seifert (1890–1972) war Architekt und Buchautor, seit 1937 NSDAP-Mitglied. Im Nachkriegsdeutschland einflussreich durch seine Mitwirkung am Mainauer Landschaftsmanifest. – Vgl. Thomas Zeller: Driving Germany. The Landscape of the German Autobahn, 1930–1970, New York: Berghahn Books, 2007, S. 35–47.

30

Hans Sedlmayr: Der Verlust der Mitte, Salzburg: Otto Müller, 1948. – Der Text wird nach Erscheinen breit rezipiert und kritisch rezensiert, beispielhaft von Philipp P. Fehl, der bissig schreibt: „The work of Ledoux is not really comparable to the work of Le Corbusier, in spite of the inviting alliteration. […] And the connection of an assumed ‚two-dimensionality‘ of English art to a seemingly natural English ‚disinterestÄ‘ in the image of man, is so monstrous a simplification that one is tempted to call it a symptom of the author’s own Verlust der Mitte”. – Philipp P. Fehl, in: College Art Journal, Nr. 3, 1950, S. 296–298. – In der Architekturgeschichte kritisierte Jürgen Joedicke das Buch, vgl. Jürgen Joedicke: „So hat es doch Methode“, in: baukunst und werkform, Nr. 2, 1956, S. 58f.

31

Sedlmayr, „Vom Lebendigen und vom Toten“, a. a. O., S. 194 (Schlussabsatz).

32

Jahraus, „Der verkannte Vordenker. Ernst Jünger und die Grünen“, a. a. O., S. 76.

33

Jahraus, „Der verkannte Vordenker. Ernst Jünger und die Grünen“, a. a. O., S. 77.

34

Vgl. Hahn, „Metaphern des Posthistoire. S. 149.

35

Publius Ovidius Naso: Metamorphosen, Lateinisch-deutsch, dt. Übertragung von Erich Rösch, hrsg. v. Niklas Holzberg, Zürich: Artemis & Winkler, 1996, hier Buch 8, Verse 183–235, S. 284–287.

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